Warum ein Jahr nach dem BFSG die Abmahnungen kommen
Das BFSG setzt die europäische Barrierefreiheitsrichtlinie (European Accessibility Act) in deutsches Recht um und verlangt für die betroffenen Produkte und Dienstleistungen die Einhaltung anerkannter Standards. Für Websites und Apps heißt das in der Praxis: WCAG 2.1 Stufe AA als Maßstab, technisch verankert über die harmonisierte Norm EN 301 549 (BFSG). Betroffen sind unter anderem Online-Shops, Bank- und Zahlungsdienste, Personenbeförderung, Telekommunikation sowie elektronische Bücher – also ein Großteil des Verbraucher-E-Commerce. Die Pflicht besteht seit dem 28. Juni 2025 (BFSG); was viele Betreiber im ersten Jahr als Kulanzzeit missverstanden haben, war lediglich die Phase, in der die Durchsetzung noch anlief.
Jetzt greifen zwei Hebel gleichzeitig. Erstens die behördliche Marktüberwachung: Die Marktüberwachungsstelle der Länder für die Barrierefreiheit von Produkten und Dienstleistungen (MLBF) hat 2026 die aktive Kontrolle aufgenommen und kann Verstöße eigenständig verfolgen (barrierefreie-agenturen.de). Zweitens der wettbewerbsrechtliche Weg: Nach Einschätzung mehrerer Kanzleien lassen sich BFSG-Pflichten als Marktverhaltensregelung im Sinne von § 3a UWG einordnen, sodass Mitbewerber und klagebefugte Verbände kostenpflichtig abmahnen können (UWG). Ob jeder Einzelfall abmahnfähig ist, ist juristisch noch nicht abschließend geklärt – doch schon das Risiko einer Abmahnung reicht aus, um Betreiber in Zugzwang zu bringen. Wer die eigene Position dazu vertiefen möchte, findet im Beitrag zum Abmahnrisiko einer Website eine strukturierte Checkliste.
Das BFSG kennt eine Ausnahme für Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten und höchstens 2 Millionen Euro Jahresumsatz oder Bilanzsumme – allerdings nur für Dienstleistungen, nicht für Produkte (Händlerbund). Beide Bedingungen müssen zusammen erfüllt sein. Wer die Schwellen überschreitet oder Produkte im Sinne des Gesetzes anbietet, fällt in die Pflicht. Die Ausnahme sollte im Zweifel rechtlich geprüft und dokumentiert werden, statt sie stillschweigend anzunehmen.
Fehlende Barrierefreiheitserklärung: der leichteste Nachweis
Nicht jeder Verstoß ist gleich leicht zu belegen. Manche WCAG-Kriterien erfordern eine inhaltliche Bewertung durch Menschen – etwa, ob ein Alternativtext ein Bild wirklich sinnvoll beschreibt. Andere Verstöße lassen sich dagegen in Sekunden maschinell feststellen und eignen sich damit besonders gut als Aufhänger für eine Abmahnung oder eine behördliche Beanstandung. Vier Punkte stechen heraus, weil sie ohne Fachwissen sichtbar oder automatisiert prüfbar sind:
Die Erklärung ist für Dienstleistungen im Anwendungsbereich vorgeschrieben und muss auffindbar sein. Fehlt sie oder ist sie unvollständig, ist das der am leichtesten nachweisbare Verstoß überhaupt – ein Blick auf die Seite genügt, kein Test nötig. Genau hier setzen erste Beanstandungen an.
Kontrastschwäche ist mit Abstand das häufigste Problem: Sie betrifft 79,1 % aller untersuchten Startseiten (WebAIM Million 2025) und ist rein rechnerisch über das Kontrastverhältnis prüfbar. Ein Redesign mit hellen Buttons auf weißem Grund reicht, um WCAG 1.4.3 zu reißen.
Bilder ohne alt-Attribut sind maschinell sofort auffällig und gehören laut Erhebungen zu den sechs häufigsten Fehlertypen, die zusammen 96 % aller erkannten Verstöße ausmachen (WebAIM Million 2025). Produktbilder ohne Textalternative sind im Shop die Regel, nicht die Ausnahme.
Eingabefelder ohne verknüpftes Label (WCAG 1.3.1) sind für Screenreader wertlos und automatisiert gut zu finden. Betroffen sind ausgerechnet die geschäftskritischen Stellen: Suche, Login, Warenkorb und Checkout.
Die Reihenfolge ist kein Zufall. Wer eine Website auf Verstöße abklopfen will, beginnt bei den Punkten, die sich ohne manuelle Analyse belegen lassen – und genau diese Punkte lassen sich auch fortlaufend überwachen. Der Beitrag zum kontinuierlichen Accessibility-Monitoring nach WCAG vertieft, welche Kriterien sich technisch automatisieren lassen und welche eine menschliche Prüfung brauchen.
Wie verbreitet die Mängel wirklich sind
Das Ausmaß ist größer, als die meisten Betreiber vermuten. Die jährliche Auswertung der eine Million meistbesuchten Startseiten liefert eine ernüchternde Momentaufnahme: Auf 94,8 % der Seiten finden automatisierte Werkzeuge WCAG-2-Verstöße auf den Stufen A und AA (WebAIM Million 2025). Im Schnitt sind es 51 erkennbare Fehler pro Seite (WebAIM Million 2025) – und das sind nur die maschinell auffindbaren; die tatsächliche Zahl inklusive der manuell prüfbaren Kriterien liegt höher. Parallel steigt die Komplexität der Seiten weiter, auf durchschnittlich 1.257 Elemente je Startseite (WebAIM Million 2025), was neue Fehlerquellen bei jedem Umbau schafft.
| Kennzahl | Wert (2025) | Quelle |
|---|---|---|
| Startseiten mit erkennbaren WCAG-Verstößen | 94,8 % | WebAIM Million 2025 |
| Erkennbare Fehler je Seite (Durchschnitt) | 51 | WebAIM Million 2025 |
| Startseiten mit zu geringem Textkontrast | 79,1 % | WebAIM Million 2025 |
| Anteil der sechs häufigsten Fehlertypen | 96 % | WebAIM Million 2025 |
| Elemente je Startseite (Durchschnitt) | 1.257 | WebAIM Million 2025 |
| Anteil der Fehler, den axe-core nach Volumen erkennt | rund 57 % | Deque |
Die Kernaussage dahinter: Barrierefreiheitsmängel sind kein Randphänomen weniger nachlässiger Seiten, sondern der Normalzustand im Web. Das ist für Betreiber zugleich gute und schlechte Nachricht. Schlecht, weil die Wahrscheinlichkeit hoch ist, selbst betroffen zu sein. Gut, weil ein Großteil der Fehler auf wenige, wiederkehrende Muster entfällt – und diese Muster lassen sich systematisch aufspüren und beheben.
Was ein Verstoß kostet: Bußgeld und Abmahnung
Die finanziellen Folgen laufen über zwei getrennte Kanäle. Der eine ist das behördliche Bußgeld: Bei formalen Mängeln reicht der Rahmen typischerweise bis in den unteren fünfstelligen Bereich, bei schweren Verstößen sieht das Gesetz Bußgelder von bis zu 100.000 Euro vor (BFSG). Der andere ist die wettbewerbsrechtliche Abmahnung: Hier entstehen Kosten aus Anwalts- und Verfahrensgebühren, einer möglichen Unterlassungserklärung mit Vertragsstrafe und dem Aufwand, die Mängel unter Zeitdruck zu beheben. Nach Kanzleiberichten bewegt sich eine einzelne Abmahnung erfahrungsgemäß im Bereich mehrerer tausend Euro, im Wiederholungsfall deutlich darüber (barrierefreie-agenturen.de).
Zu den direkten Kosten kommt der Ausfall: Eine Unterlassungserklärung kann dazu zwingen, Funktionen kurzfristig abzuschalten oder umzubauen, was gerade in Verkaufsphasen teuer ist. Und anders als bei einem stillen Datenschutzmangel ist Barrierefreiheit für jeden Besucher sichtbar – der Verdächtigungsradius ist entsprechend groß. Wer parallel weitere Rechtspflichten offen hat, etwa bei der DSGVO-Compliance seiner Website oder bei der einwilligungspflichtigen Einbindung von Tag-Managern, häuft Angriffsfläche an, die sich in einer einzigen Abmahnung bündeln lässt.
Jeder behobene Verstoß senkt das Abmahnrisiko und öffnet die Seite zugleich für Menschen mit Behinderung – in Deutschland eine erhebliche Kaufkraft. Wer Barrierefreiheit frühzeitig absichert, vermeidet nicht nur Bußgeld und Abmahnung, sondern gewinnt Kundschaft, die andere Shops aussperren.
Warum einmalige Audits nicht reichen
Der verbreitetste Fehler im Umgang mit dem BFSG ist die Vorstellung, Barrierefreiheit sei ein Projekt mit Enddatum. Ein einmaliges Audit beschreibt den Zustand an einem einzigen Tag – doch eine lebende Website ändert sich mit jedem Deploy. Ein neues Theme, ein aktualisiertes Plugin, eine per Drag-and-drop gebaute Landingpage oder ein eingebundenes Drittanbieter-Widget kann Kriterien reißen, die gestern noch erfüllt waren. Genau dieses Muster der schleichenden Regression nach einem Release beschreibt auch der Beitrag zur Überwachung internet-exponierter Dienste: Was einmal geprüft wurde, bleibt nur mit fortlaufender Kontrolle in Ordnung.
Hinzu kommt eine wichtige Einschränkung: Automatisierte Prüfung deckt nicht alles ab. Nach Volumen findet ein etablierter Prüfmotor wie axe-core rund 57 % der Fehler (Deque); gemessen an der Zahl der WCAG-Erfolgskriterien sind es je nach Zählweise etwa 30 % vollständig automatisiert prüfbar (Deque). Der Rest verlangt menschliche Beurteilung. Das entwertet die Automatisierung aber nicht – im Gegenteil: Sie übernimmt genau die häufigen, formal belegbaren Verstöße wie Kontrast, fehlende Labels oder fehlende Alternativtexte, die als Erstes abgemahnt werden, und hält sie nach jeder Änderung im Blick. Die manuelle Tiefenprüfung ergänzt sie, ersetzt sie aber nicht.
Die gefährlichsten Regressionen sind die unbeabsichtigten: ein Farb-Update, das den Kontrast unter die Schwelle drückt; ein neues Formular ohne verknüpfte Labels; ein Bild-Slider, der nicht mit der Tastatur bedienbar ist. Ohne kontinuierliche Messung fällt so etwas erst auf, wenn sich jemand beschwert oder abmahnt. Mit einem visuellen Changelog samt Deploy-Überwachung wird die Veränderung dagegen am Tag des Releases sichtbar.
Kontinuierliches Accessibility-Monitoring mit XICTRAQ
XICTRAQ prüft die automatisch testbaren WCAG-Kriterien fortlaufend statt einmalig. Der Barrierefreiheits-Check läuft auf Basis des offenen Prüfmotors axe-core gegen WCAG 2.1 und 2.2 Stufe AA, vergleicht jeden Lauf mit dem vorigen Stand und meldet neue Verstöße. So wird aus einer Momentaufnahme ein Frühwarnsystem, das eine Regression im nächsten Prüfintervall aufdeckt – nicht erst Wochen später durch eine Beschwerde. Überwacht werden unter anderem:
- Textkontrast (WCAG 1.4.3): Kontrastverhältnisse werden rechnerisch geprüft, damit ein Farb-Deploy nicht unbemerkt unter die Schwelle rutscht.
- Alternativtexte (1.1.1): fehlende oder leere
alt-Attribute bei Bildern und Grafiken werden markiert. - Formular-Labels (1.3.1, 4.1.2): Eingabefelder ohne programmatisch verknüpftes Label fallen sofort auf – gerade in Suche, Login und Checkout.
- Tastaturbedienung und Fokus (2.4.7): sichtbarer Fokus und erreichbare Bedienelemente werden überprüft.
- Dokumentstruktur und Seitensprache (1.3.1, 3.1.1): korrekte Überschriftenhierarchie und gesetzte Sprachauszeichnung.
- Vorhandensein der Barrierefreiheitserklärung: die Seite wird darauf geprüft, ob die Erklärung erreichbar verlinkt ist.
Wird ein neuer Verstoß erkannt, löst XICTRAQ ein Alerting über mehrere Kanäle aus – per E-Mail, Slack, Teams oder Webhook, direkt an das Team, das den letzten Deploy verantwortet. Weil die Barrierefreiheit im selben Dashboard neben Uptime, Performance und Sicherheit liegt, lässt sich ein Gewichts- oder Kontrastsprung sofort dem auslösenden Release zuordnen, statt ihn mühsam zu rekonstruieren.
Die Barrierefreiheitserklärung rechtssicher pflegen
Die Barrierefreiheitserklärung ist der sichtbarste Nachweis der Compliance – und zugleich der Punkt, an dem viele scheitern, weil die Erklärung entweder fehlt oder veraltet. Eine belastbare Erklärung benennt den Stand der Vereinbarkeit mit den Anforderungen, listet bekannte, noch nicht barrierefreie Inhalte offen auf, nennt einen Feedback-Mechanismus für Betroffene und wird bei jeder wesentlichen Änderung aktualisiert. Genau die Aktualität ist das Problem: Nach einem größeren Umbau stimmt die Erklärung oft nicht mehr mit dem tatsächlichen Zustand überein.
- Erreichbar verlinken: aus dem Footer und idealerweise aus dem Hilfebereich, mit sprechendem Ankertext.
- Ehrlich dokumentieren: bekannte Einschränkungen benennen, statt Vollständigkeit zu behaupten – eine offene, gepflegte Erklärung wirkt glaubwürdiger als eine schöngefärbte.
- Feedback-Kanal bereitstellen: eine Kontaktmöglichkeit für Barriere-Meldungen, deren Zustellung sich überwachen lässt.
- Aktuell halten: nach jeder wesentlichen Änderung prüfen und das Datum der letzten Überprüfung fortschreiben.
Den Nachweis der Sorgfalt über die Zeit liefern Reports und Status-Seiten: Sie dokumentieren, wann geprüft wurde und wie sich der Zustand entwickelt hat. Kommt es doch zu einer Beanstandung, lässt sich damit belegen, dass Barrierefreiheit fortlaufend kontrolliert und nicht ignoriert wurde – ein Unterschied, der bei der Bewertung eines Verstoßes ins Gewicht fällt.
In fünf Schritten abmahnsicher werden
- Betroffenheit klären: Prüfen Sie, ob Ihr Angebot unter das BFSG fällt und ob die Kleinstunternehmen-Ausnahme überhaupt greift – im Zweifel rechtlich, und das Ergebnis dokumentiert.
- Bestandsaufnahme: Lassen Sie die wichtigsten Seiten – Startseite, Kategorie, Produkt, Warenkorb, Checkout – gegen WCAG 2.1 AA prüfen und die häufigen Verstöße wie Kontrast, Labels und Alternativtexte zuerst beheben.
- Erklärung veröffentlichen: Erstellen Sie eine vollständige, auffindbare Barrierefreiheitserklärung mit Feedback-Kanal und schließen Sie damit den am leichtesten nachweisbaren Verstoß.
- Monitoring einrichten: Aktivieren Sie eine fortlaufende Prüfung der testbaren Kriterien mit Alarm bei jeder neuen Regression, statt sich auf punktuelle Stichproben zu verlassen.
- Trend beobachten: Werten Sie den Verlauf über Wochen aus, behandeln Sie eine neue Barriere wie einen Bug mit Priorität und halten Sie die Erklärung nach jedem größeren Deploy aktuell.
Barrierefreiheit dauerhaft absichern
Die Abmahnwelle rund um das BFSG trifft vor allem Betreiber, die Barrierefreiheit als einmalige Aufgabe abgehakt haben. Wer sie stattdessen als Zustand versteht, der nach jedem Deploy neu gilt, dreht das Risiko um: Aus einer drohenden Abmahnung wird ein kontrollierter Prozess. Der Schlüssel ist die Kombination aus einer aktuellen, ehrlichen Barrierefreiheitserklärung und einer fortlaufenden Prüfung der testbaren WCAG-Kriterien, die neue Verstöße meldet, bevor sie jemandem auffallen, der abmahnt. Was das BFSG im Detail von Website-Betreibern verlangt, fasst der Überblick zu den BFSG-Pflichten für Websites zusammen.
Starten Sie mit einem kostenlosen Test und lassen Sie Ihre wichtigsten Seiten gegen WCAG 2.1 AA prüfen – so sehen Sie in Minuten, wo die häufigen, abmahnbaren Verstöße liegen. Oder vereinbaren Sie eine persönliche Demo, um Deploy-Alerting und die Dokumentation der Erklärung in Aktion zu sehen.
Dieser Artikel basiert auf Daten von: BFSG / Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (Geltung für betroffene Angebote seit 28. Juni 2025, WCAG 2.1 Stufe AA über EN 301 549, Bußgeld bis 100.000 Euro), WebAIM Million 2025 (94,8 % der Startseiten mit erkennbaren WCAG-Verstößen, 51 Fehler je Seite im Schnitt, 79,1 % mit zu geringem Kontrast, sechs Fehlertypen = 96 % aller Fehler, 1.257 Elemente je Seite), Deque (axe-core erkennt rund 57 % der Fehler nach Volumen, rund 30 % der WCAG-Erfolgskriterien vollständig automatisiert prüfbar), Händlerbund (Kleinstunternehmen-Ausnahme < 10 Beschäftigte und ≤ 2 Mio. Euro, nur für Dienstleistungen), UWG (§ 3a Marktverhaltensregelung), barrierefreie-agenturen.de (Marktüberwachung der Länder ab 2026, Abmahnkosten). Rechtliche Aussagen ersetzen keine Rechtsberatung.